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Ma-Ma!

Geschrieben von ME am .

Von Oberstleutnant a.D. Georg Maier (Artikel aus dem Jahr 1996)

Insgesamt verliefen nahezu acht Jahre meines beruflichen Werdegangs parallel mit der spannenden Entwicklung Lippe Radars. Eine besonders interessante Zeit war sicherlich die in Goch.

Ich stieß im Dezember 1969 als Flugsicherer aus Husum kommend zum Flugsicherungssektor Nord. Es war kalt, und es lagen Welten zwischen diesen Einheiten.

Insgesamt verliefen nahezu acht Jahre meines beruflichen Werdegangs parallel mit der spannenden Entwicklung Lippe Radars. Eine besonders interessante Zeit war sicherlich die in Goch. Ich stieß im Dezember 1969 als Flugsicherer aus Husum kommend zum Flugsicherungssektor Nord. Es war kalt, und es lagen Welten zwischen diesen Einheiten.
Welch' ein Unterschied: an der Eidermündung ein harmonisches Ganzes, im wahren Sinne des Wortes eine Großfamilie und am Zusammenfluss von Lippe und Deutschlands größtem Strom eine Zusammengewürfelte militärische Einheit, die erst noch eine werden wollte.

 

Die FS-Zellen Uedem und Auenhausen waren grade erst acht Monate außer Dienst, und das Personal lebte seit dieser Zeit in Goch "mühsam" vereint. Ganz offensichtlich hatten die Zellen bis dahin ein sehr unterschiedliches Eigenleben geführt. Ihnen standen zwei Hauptleute vor, unterschiedlich in den Charakteren wie Feuer und Wasser. Der eine: Hobby-Archäologe, sehr sensibel, theologisch vorbelastet und sehr belesen. Eigentlich nicht das, was man sich unter einem Soldaten vorstellt. Der andere: Pragmatiker, Menschenführer, ideenreich und unkonventionell.
Ihnen nachgeordnet waren Wachleiter, die ihren Meistern glichen. Nicht etwa, weil sie Mitläufer waren. Nein, im Gegenteil. Der Zufall wollte es eben so und nicht anders. Der Feuer-und-Wasser-Eindruck setzte sich in den Wachen fort. Die Uedemer waren sensibel, die Auenhausener erschienen gröber. Jene glaubten, die Klügeren, diese, die Besseren zu sein.

Mit der Zusammenlegung in Goch bekam diese "Einheit" auch einen neuen Chef. Er war vorher in Oldenburg und bei Insidern schon lange als "Macher" bekannt. Ihm fiel die wahrlich nicht leichte Aufgabe zu, diese Gegensätze zu einem gemeinsamen Ganzen zu fügen. Doch alle waren überzeugt, er schafft es.

Und, er schaffte es! Er war ehrgeizig, sachlich wie kein anderer, zielorientiert und konzentriert, nur mit sachlichen Argumenten überzeugbar, ein Inbegriff der Perfektion. Es gab nur einen Themenbereich, bei dem seine sprichwörtliche Sachlichkeit öfter versagte. Darüber soll hier jedoch nicht berichtet werden.

Der SATCO für Goch wurde nach dem militärischen Anciennitätsprinzip ausgewählt. SATCO wurde der Uedemer. Faktisch gab es dennoch zwei. Eben jenen, der mit seiner Mannschaft aus Auenhausen kam und daneben den Offiziellen.
Denn, beide Wachen waren ihrer Herkunft entsprechend, zusammengesetzt, und sie gehorchten noch ihren "Herren und Meistern" aus den Bunkern. Man brauchte keine besondere Sensibilität, um die Gegensätze zu spüren.

Selbst mir fielen sie bald auf und natürlich auch dem Chef. So kam es vor, dass vormittags Anordnungen ergingen, die nachmittags vom anderen als obsolet hingestellt wurden. Aussprachen beim Chef waren dann erforderlich. Die Mannschaft nährte sich aus dieser Rivalität. Die Herausforderungen waren groß. Und, es soll nicht unerwähnt bleiben, die Motivation ebenso. Doch es war ebenso klar, dass für die Zukunft mehr Homogenität erforderlich war. Der offizielle SATCO wurde noch 1970 versetzt, der informelle rückte nach. Auch er wurde 1971 für höhere Aufgaben zum Führungsdienstkommando gerufen. Die Wachen wurden gemischt, und aus Lippe Radar wurde mit der Zeit - noch in Goch - ein ganz normaler Flugsicherungssektor.

Der blieb auch nicht von den gesellschaftlichen Veränderungen verschont, die durch die so genannte 68er Generation hervorgerufen wurde. Lange Haare als Ausdruck des Protestes gegen die Etablierten zogen auch bei Lippe Radar ein. Das Haarnetz war die Antwort der Bundeswehr.

Die Disziplin wurde geteilt - in eine formale und eine funktionale. Vorgesetzte als Autorität wurden von vornherein in Frage gestellt. Eine Zeit des Umbruchs. Fernschreiben aus Bonn, direkt an die Chefs gerichtet und vom Minister unterzeichnet, waren ebenso lang und verworren wie die Haare der zumeist Wehrpflichtigen. Von diesen zeigten sich viele am gepflegtesten, wenn sie Lippe verließen. Denn dann musste man in Vorstellungsgesprächen bei der Bank oder sonst wo einen guten Eindruck machen.

Außerhalb des Dienstes bot der Standort Goch eine Menge. Er hatte ein funktionierendes Kasino, das von den Engländern aus Laarbruch ebenso gerne besucht wurde wie von den Deutschen. Damals gab's noch Kasinoleben. Freundschaften bildeten sich aus.

Und manch einer dachte mehr "englisch" als deutsch. Überhaupt: Lippe Radar hat ja auch englische Wurzelfäden. Sein Vorläufer, die Militärische Flugsicherungszentrale Hannover ging aus dem englischen ATCC hervor. Von dort wurde ein Search und Rescue Service geleistet, der noch mit einem manuellen Peilnetz arbeitete. Die Funkpeilstationen waren über Norddeutschland verteilt. In der Zentrale wurden Peilabfragen manuell mittels Strippen mit Saugnäpfen auf Kartentischen aufbereitet. Ein schon damals historisches Mittel, das für langsame Flugzeuge noch geeignet erschien, jedoch auf keinen Fall für Düsenjäger und die "neue" Flugsicherungskontrolle. Zudem, eine zeitraubende Arbeit. Mancher Flug war bereits im Landeanflug, bevor seine Position erstmals festgestellt werden konnte.

Somit lag es nahe, das Peilnetz zu automatisieren. Der Minister hatte wohl 1960 hierzu an die Firma SEL einen Auftrag erteilt. Jedenfalls, es muss 1970 gewesen sein, wurde - zur Überraschung aller - ein automatisches Peilnetz geliefert. Es wurde im Kontrollraum aufgebaut und getestet. Auch sollte ein Erfahrungsbericht geschrieben werden. Doch was sollte man schreiben? Es war ein Bericht des Einerseits und Andererseits. Denn das System war gut. Es war seinen Vorgängern an Schnelligkeit um Jahrzehnte voraus.

Nur: es kam um mehr als 10 Jahre zu spät.
Doch auch dieses Problem löste sich von selbst. Denn inzwischen war klar, Lippe Radar wird nach Maastricht verlegt. Der Umzug war für 1975 vorgesehen. Eine kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass 1972 noch keine Planungen dafür vorlagen. Der Chef wurde als Projektleiter abberufen, ein neuer avisiert. Bis zur Ankunft hatte der SATCO, der sich so nebenher auf seinen Stabsoffizierslehrgang vorzubereiten hatte, Beurteilungen zu erstellen und die Einheit zu führen. Doch, so war es eben.
Der neue kam aus Osnabrück. Dort war er nicht Abteilungsleiter, jedoch die "Graue Eminenz" eines feinsinnigen Abteilungsleiters. Und dies, als "örtlicher" in einer Überörtlichen Flugsicherungsabteilung.
Beide waren hervorragende Schachspieler. Der Neue war jedoch ganz anders. Nicht besser oder schlechter als sein Vorgänger, nein, einfach ganz anders.
Alle mussten sich umstellen. Einer seiner Hauptstärken war sein unerschöpflicher Ideenreichtum. Diese Ideen, in Anweisungsform formuliert, fanden ihren Niederschlag auf Din-A-5-Zetteln. SATCO und TO waren jeden Morgen gespannt auf die Neueingänge. Mancher Zettel ging verloren. Andere wiederholten sich inhaltlich in der Schnelligkeit in der sie geschrieben wurden, und wieder andere waren bereits überholt als sie auf den Tisch kamen. Für die Betroffenen war es schwierig, die Prioritäten richtig zu setzen und dem Tempo zu folgen. Für einen muss es wohl eines Tages zuviel gewesen sein, denn an der Tür zum Chefzimmer fand sich der Spruch: "God, forgive me my idea from yesterday, I have a new one".

Der Neue hatte eine besondere Führungseigenschaft, die man in den 70ern, der Mode entsprechend, mit einer "Management by" - Funktion umschrieb. In diesem Fall: Management by catch the guy on the floor and give him an order
Der SATCO hatte darunter besonders zu leiden. Öfter war der Kontrollraum leer, weil der Chef die Leute mit Aufträgen versorgte. Bei der Mannschaft hatte er schon bald einen Spitznamen. Sie nannten ihn "Ma-ma", was als Kürzel für "Mach' mal" stand. Die Einheit zählte mehr als 300 Mann plus Frau Hackenroth - der Perle aus dem Vorzimmer - ; für Ma-ma waren es nicht zu viele.

Die Verlegung nach Maastricht erfolgte pünktlich. Sie war ein großes Fest. Der Chef überzeugte alle, dass einhundert stabile deutsche Mark ein angemessener Beitrag seien für einen guten Einstand am neuen Standort. So spendeten alle "freiwillig". Alle hatten ihr Vergnügen. Es wurde getanzt, gelacht und gesungen. Später wurde immer auf die hervorragende und einmalige gute Zusammenarbeit mit Eurocontrol hingewiesen.

Dem SATCO, der anlässlich der neuen Arbeitsphilosophie die Betriebsvereinbarung mit Eurocontrol auszuhandeln hatte, schien dies nicht immer so. Die Verhandlungen sollten sich als besonders schwieriges Unternehmen herausstellen. Der Counterpart, ein ebenso schreib- wie wortgewandter, viel gereister Flugsicherer und ehemaliger Angehöriger der Bundesanstalt für Flugsicherung, glaubte damals, Lippe Radar müsse integriert werden.

Viel Kraft und Zeit gingen verloren. Doch in dieser Zeit wurden Grundlagen für eine fruchtvolle und sich ergänzende Zusammenarbeit gelegt. Mit der Integration in die DFS beginnt ein neues Kapitel. Neue Namen und Begriffe werden kommen. Der Chef wird ein Niederlassungsleiter, einen Einsatzstabsoffizier wird es nicht mehr geben, dafür ein Niederlassungsbüro mit einem Leiter, Wachleiter mit erweitertem Aufgabenbereich, die Kontrollleiter werden Fluglotsen und Seniorlotsen, die Flugdatenbearbeiter bleiben ihrem Namen treu, haben aber die Möglichkeit, zum Senior-Flugdatenbearbeiter aufzusteigen.

Unzweifelhaft es beginnt eine neue Zeit.

Der Verfasser wünscht allen, dass die neue Zeit ebenso kurzweilig sein wird wie die vergangene, aus der er (nun inzwischen in Pension) berichten durfte.